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Der reichste Mann des Landes: Kohle-Milliardär will Ukraine an EU heranführen

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image Rinat Achmetow lässt sich nach dem UEFA-Pokal-Sieg 2009 von seinem Club Schachtjor Donezk feiern. Politisch ist Orange nicht die Farbe des reichsten Ukrainers.

Rinat Achmetow wurde unter zwielichtigen Umständen der reichste Mann der Ukraine. Der Besitzer des Fußballklubs Schachtjor Donezk und Freund von Präsident Janukowitsch war ein Gegner der Orangenen Revolution – und doch könnte ausgerechnet er die Anbindung an die EU vorantreiben.

In gewissen historischen Momenten können Klubfarben teuflisch sein. Orange zum Beispiel. Lange Zeit war der ukrainische Fußballklub Schachtjor Donezk mit seinen Trikots in der Farbe der Apfelsinen gut gefahren. 2004 aber geriet sein Besitzer Rinat Achmetow in Teufels Küche. Politisch nämlich hatte der milliardenschwere Herrscher über die russischsprachige und industriereiche Region Donbass als Geldgeber auf die blaufarbige Partei der Regionen gesetzt und wollte seinen Protegé Viktor Janukowitsch als Staatspräsidenten durchbringen. Da brach urplötzlich die prowestliche Elite in Kiew die Orangene Revolution vom Zaun und verwandelte das Land für Wochen in ein orangenes Farbenmeer. Am Ende übernahm sie für fünf Jahre die Macht.

Doch jetzt, fünf Jahre später, steht das Orange von Achmetows Kickern für Sieg und Triumph. Donezk gewann 2009 gegen Werder Bremen den Uefa-Cup. Viel wichtiger aber noch: Achmetows Politfreund Janukowitsch hat es mittlerweile doch noch auf den Präsidentensessel geschafft. Das dürfte auch Achmetows Stellung stärken, besser gesagt sichern, in einem Land, wo Politik und Wirtschaft so unerquicklich eng miteinander verstrickt sind. Und ausgerechnet der reichste Mann der Ukraine könnte dafür sorgen, dass Janukowitsch, Freund der Russen, vielleicht doch noch das Land näher an die EU heranführen könnte.

Achmetow weiß, dass er den Westen braucht. "Trotz östlicher Mentalität ist Achmetow im Unterschied zu Janukowitsch europaorientiert", sagt Vladimir Dubrovskiy, Chefökonom beim Institut CASE Ukraine. "Wie alle will er billiges russisches Gas. Aber er weiß, dass seine Absatzmärkte im Westen liegen." Die Westanbindung wäre ein weiterer Wendepunkt im Leben des ukrainischen Oligarchen.

In seinem jungen Leben, 43 Jahre ist er alt, hat Achmetow so viel durchlebt, dass er kaum je die Fassung verliert. "Aber Emotionen sind so eine Sache: Schläfst du eine Nacht drüber, legen sie sich. Und wir müssen an den morgigen Tag denken", lautet einer seiner Sprüche. Er empfahl das Motto Julia Timoschenko, als diese nach der Präsidentenwahl im Februar ihre Niederlage nicht wahrhaben wollte.

Machtwechsel im Osten Europas. Einen erstaunlichen Pragmatismus legte Achmetow auch 2004 an den Tag, als die Euphorie der Orangenen Revolution Timoschenko zur Regierungschefin und Viktor Juschtschenko zum Präsidenten machten. Er hielt sich aus der Politik raus und kümmerte sich um sein Geschäft. Auf 5,2 Milliarden Dollar beziffert das amerikanische "Forbes"-Journal sein Vermögen. Das ukrainische Magazin "Korrespondent", das gewöhnlich höher schätzt, schrieb sogar im Krisenjahr 2009 von fast zehn Milliarden Dollar. Zusammengefasst hat Achmetow die Vermögenswerte in der Gruppe System Capital Management (SCM), die über 150.000 Leute beschäftigt. Die Metallgruppe Metinvest und Kohlebergwerke umfasst sie. Dazu den Stromerzeuger DTEK, der ein Viertel der ukrainischen Kohleförderung und ein Siebtel der Stromproduktion besorgt. Dazu kommen Telekommunikation und Banken, Lebensmittelproduktion und Medien. 15,9 Milliarden Dollar setzte Achmetow mit seinem Firmenimperium 2008 um und machte damit vor Steuern drei Milliarden Dollar Gewinn.

Damit ist er in seinem Land die unangefochtene Nummer eins. Und in der Ukraine wiegt das doppelt schwer, denn hier sind Wirtschaft und Politik aufs Engste ineinander verwoben. Von einer Rückkehr der Oligarchen an die Macht sprach daher Timoschenko jüngst, als sie sich in die Opposition verabschiedete.

Rinat Achmetow ist der reichste Ukrainer. Als Hauptfinancier der ostukrainischen Partei der Regionen hat er seinen Protegé Viktor Janukowitsch bis ins Präsidentenamt gehievt. Der 43-jährige Oligarch gilt selbst als Parvenü mit dunkler Vergangenheit. Seine Machtbasis hat er im Osten des Landes, wo mit Stahl und Kohle Geld gemacht wird. Sein Fußballclub Schachtjor Donezk gewann 2009 den Uefa-Cup gegen Werder Bremen.

Als kühler Geschäftsmann aber hat er die Zeichen der Zeit schneller als die meisten verstanden. Achmetov setzt auf Europa und verlangt von der Politik vor allem die Überwindung der schweren Wirtschaftskrise. In seinem weitverzweigten Firmenimperium System Capital Management beschäftigt er über 150.000 Menschen.

Sie meinte nicht nur Achmetow, sondern auch andere Tycoons, die Janukowitsch finanzieren. "Janukowitsch entscheidet nicht selbst", sagt Taras Tschornowil, einst hochrangiges Mitglied in Janukowitschs Partei der Regionen. Wer genau zur Gruppe der Entscheidungsträger gehörte, sei nicht immer klar, meint er: "Achmetow gehört ganz sicher dazu."

Als Politiker ist Achmetow selbst nie in Erscheinung getreten. Für die Immunität reicht ein bescheidenes Abgeordnetenmandat im Parlament. Doch über politische Handlanger würden er und seinesgleichen sich auch jetzt wieder möglichst viel staatliches Eigentum unter den Nagel reißen, behauptet Timoschenko. Was als Sorge um das Land klingt, kann auch als Konkurrenzkampf der Businessgruppen gedeutet werden.

Timoschenko kennt das Milieu, war sie doch selber im staatsnahen Gasgeschäft zu unermesslichem Reichtum gelangt. Später hat sie die Demontage der Oligarchen auf ihre Fahnen geschrieben. Und wiederholt auch zum Schlag gegen Achmetow ausgeholt. Dieser entzog sich ihrem Zugriff allein schon durch die räumliche Distanz.

600 Kilometer östlich von Kiew residiert Achmetow. Einen Steinwurf von Russland entfernt, ragen Fördertürme über eine hügelige Landschaft. Hier, im russischsprachigen Donezker Becken mit seiner Schwerindustrie und den Kohleschächten, findet unter der Erde ähnlich viel Leben wie auf ihrer Oberfläche statt. Es erinnert an die Hochzeiten des Ruhrgebiets. Naheliegend, dass die Provinzhauptstadt Donezk eine Städtepartnerschaft mit Bochum unterhält. Im "ukrainischen Ruhrpott" bestimmt Achmetow, wo es langgeht.

Voller Ehrfurcht sprechen die Leute hier von ihrem Boss. Ganz als ob sie dem verheirateten Vater zweier Kinder mehr schulden als ihre Arbeitsleistung in seinen Betrieben. Meist ziehen sie es überhaupt vor, seinen Namen nicht zu auszusprechen. "Er", sagen sie dann. Oder: "Er selbst."

Als Sohn eines tatarischen Minenarbeiters und einer Verkäuferin ist "Er" hier groß geworden. Und reich - ziemlich sicher mit zweifelhaften Methoden. Doch ob und was genau Achmetow Illegales getan hat, ist nicht so richtig klar. Achmetows legendenumwobener Aufstieg begann einer Version zufolge damit, dass der Verbrecherboss Alik Grek (der "Grieche") bei einem Bandenkrieg 1995 im Stadion zu Donezk in die Luft gesprengt wurde. Achmetow war genau an diesem Tag nicht ins Stadion gekommen. Aufgeklärt wurde der Mord nicht. In jedem Fall war die gesamte Region bis dahin von brutalen Kämpfen um Einflusszonen erschüttert gewesen, erzählt man sich noch heute. Erst als Achmetow die Führung übernahm, sei Ruhe eingekehrt.

Was folgte, war ein steiler Aufstieg. Geschäftssinn war sicher dafür verantwortlich, dazu Respekt der Konkurrenten. Die Rohstoffpreise etwa für Stahl, Hauptexportgut der Ukraine, trugen das Ihre dazu bei. Als sie im Vorjahr absackten, wurde auch Achmetows Vermögen kurzfristig auf 1,8 Milliarden Dollar dezimiert. Dennoch kaufte er für eine Milliarde Dollar das US-Kohleunternehmen United Coal Company.

Und er schlägt seit Neuestem Töne an, die in der Ukraine für Verwunderung sorgen. Achmetow ist gegen eine Konzentration der politischen Macht in wenigen Händen. Das ist eine Sichtweise, an die sich das politische Establishment im Land erst gewöhnen muss. Eine Rolle mag spielen, dass Achmetow nicht noch einmal eine Situation wie 2005 erleben will. In jenem Jahr, nachdem die Protagonisten der Orangenen Revolution das Ruder übernahmen, ging er sicherheitshalber ein paar Monate ins Ausland, nach Italien. Die neuen Machthaber in Kiew nämlich - allen voran Timoschenko - hatten einen Rachefeldzug gegen Reiche gestartet und damit gedroht, krumme Machenschaften aufzudecken.

Achmetow wartete ab, bis sich die Wogen glätteten. Dass er das größte Stahlwerk des Landes, Krivoryschstal, an den Staat zurückgeben musste, sah er offenbar als Bauernopfer. Er wehrte sich auch nicht sonderlich dagegen. Jeder wusste, dass er sich das Stahlwerk gemeinsam mit Viktor Pintschuk, dem Schwiegersohn des damaligen Staatspräsidenten Leonid Kutschma, kurz davor zum Schleuderpreis von 800 Millionen Dollar unter den Nagel gerissen hatte. Als es 2006 in einer sauberen Auktion neuerlich privatisiert wurde, war es dem indischen Stahlgiganten Mittal Steel knapp fünf Milliarden Dollar wert.

Achmetow verordnete 2005 seinem Firmengeflecht westliche Standards. Für die SKM wurden internationale Rechnungslegungsstandards eingeführt. Und zu Timoschenkos Regierung knüpfte er zarte Bande. Als er ihr im April des Vorjahres "Heldentat der Krisenüberwindung" wünschte, sorgte dies für einen Konflikt in seiner eigenen Partei. Und zur Eröffnung des neuen Fußballstadions in Donezk, einer der Spielorte der Fußball-EM 2012, lud er Timoschenko und Juschtschenko ein. Er bewirtete seine Gäste, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie vernichtend ausgepfiffen wurden. Im Osten nämlich gibt es nur einen wahren Machthaber: Rinat Achmetow, Herrscher über den Donbass.
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