Ein Denkmal für die deutschen Opfer?
Ein Künstler aus der Ukraine will den Deutschen für das erlittene Leid im Zweiten Weltkrieg ein Denkmal setzen - vor dem Brandenburger Tor, dem Zentrum des deutschen historischen Gedächtnisses. Nun wartet er auf die Antwort der Kanzlerin.
Wlad Griss quält sich gerne, arbeitet an seinen Gedanken genauso viel wie an seinen bronzenen Skulpturen, verwirft, beginnt noch mal von vorne. Die Stunden schöpferischer Qual haben sich als tiefe Falten auf der Stirn seines mächtigen Glatzkopfs eingegraben. Auch mit „Triumph des Willens“ hat er sich lange geplagt, aber jetzt ist er überzeugt: „Der Tag, an dem diese Skulptur vor dem Brandenburger Tor enthüllt wird, wird der schönste in meinem Leben sein“, sagt er mit leicht näselnd-manierierter Stimme. Griss steht in verwaschenen Jeans in seiner Werkstatt in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, hinter ihm etwa einen Meter hoch das Modell seiner Skulptur. Und er meint es ernst. Natürlich weiß er, dass der Name und erst recht das Werk selbst provokant, irreführend sein können: Ein an Dalís schmelzende Uhren erinnernder bronzener Ritterkopf, durchbohrt von Pfeil und Hakenkreuzstandarte. Obenauf hat Griss einen Apfel plaziert, unversehrt.
Sein Werk strotzt vor Metaphorik. Zum einen ist da der aus Schillers „Wilhelm Tell“ entliehene Apfel: „Hitler verehrte bekanntlich Wilhelm Tell, sah sich als Vater der Deutschen“, weiß Griss aus Geschichtsbüchern. Doch während Tells Pfeil den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes durchbohrte, trafen Hitlers „Kriegspfeile“ das deutsche Volk selbst, erklärt er. Den zweiten Pfeil ließ Griss erst später zur Hakenkreuzstandarte werden: Sie ähnelt jenen deutschen Standarten, die Stalin als Symbol der endgültigen Niederlage des Dritten Reichs auf dem Roten Platz aufeinanderhäufen ließ. Schließlich, so Griss, sei der Apfel ein biblisches Symbol der Verführung - und der unvermeidlichen Strafe.
(c) Moritz Gathmann



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